Emanuel Geibel · Die Lachswehr (1857)

Du stiller Garten, der den schattigen Ulmengang
Im blauen Flusse spiegelt, wo zur Frühlingszeit
Die Nachtigall ihr tönend Nest am Wasser baut,
Wie lieb' ich dich! Und immer, wenn zur Vaterstadt
Mein Weg mich heimführt, such' ich dich vor allem auf,
Denn deine Pfade reden mir, und lieblich weht
Aus deiner Lauben Dunkel mich Erinnrung an.
Zwar längst verschwunden ist der ziemlich steife Prunk
Geschornen Laubwerks; wo ich an der Blätterwand
Durchbrochner Hecken oft mit buntem Kies gespielt,
Da blüht auf offnem Rasenplatz die Rose jetzt,
Und frei zur Wiesenlandschaft und die Krümmungen
Des Stroms entlang zum Eichenhügel schweift der Blick.
Doch immer rauschen deine hohen Wipfel noch,
Noch immer streckt sich, buntbeflaggter Kähne Ziel,
Gestuft aufs Wasser dein Altan, von dem ich einst
Fünfjährig spielend in des Flußgotts Arme glitt,
Sein sichres Opfer, wenn den schon Gesunkenen
Des treuen Bruders Taucherkunst nicht rettete.
Sei ihm dafür nach sechsunddreißig Jahren heut
Der fromme Dank erstattet, den ich dazumal
Vergaß, nicht ahnend, welch Geschenk das Leben sei.
Das lernt' ich erst, als mein erwachend Knabenherz
Gewalt'ger pochte, wenn ich dort am Gitterwerk
Zum Nachbargarten lauschend stand, ob nicht ein Ton,
Ein rosig Kleid nicht, schimmernd durchs Jasmingebüsch,
Des liebsten Mädchens Nähe mir verkündete.
Denn dort im ländlich weinumrankten Giebelhaus
Wohnt' ihr die Freundin. Selten kam die Liebliche,
Doch allgewaltig trieb mich stets die Hoffnung her.
So träumt' ich manchen Sommerabend hier entlang
Am stillen Ufer, in der Brust unendlicher
Gefühle Dämmrung: und wenn nun das Abendrot
Mit leisem Zittern auf dem feuchten Spiegel schwamm,
Versucht' ich, von der Muse frühem Hauch berührt,
Was unaussprechlich war zu sagen. Nie gelang's,
Doch selig war dies Stammeln, wie die Jugend selbst.
Ach, als ich später, schon gebräunt von Griechenlands
Glorreicher Sonne, die mich reifere Kunst gelehrt,
Hier wieder hinschritt, hatt' auch schon des Lebens Ernst
Mir vom Gemüt den Flaum gestreift: versunken war
Die goldne Frühe jenes ersten Liebesglücks,
Und beßre Lieder sang ich, aber schmerzerfüllt.
Da lernt' ich jene Tage kennen, die so schwer
Dem Jüngling lasten, wenn der frohe Blütenschmuck
Nun abgefallen, doch noch nicht die Frucht gereift,
Die Zeit des bangen Wartens und der Einsamkeit.
Bestürmt von Zweifeln rang ich damals, o wie oft
Umsonst nach Klarheit in mir selbst! Verfehlt erschien
Mir all mein Streben, Täuschung selbst der Muse Ruf,
Der immer wieder lockend an mein Herz erging:

 

Und wenn ich dann, von hast'ger Arbeit tief erschöpft,
Hier Stille suchte, fand ich heiße Tränen nur,
Wie sie auf öder Klippe weint, wer scheiterte.
Doch Rettung sandte mir ein Gott. Du riefest mich,
Mein wackrer Malsburg – Segen deiner Gruft dafür! –
Gastfreundlich in dein waldumrauschtes Escheberg,
Und dort auf sonn'gen Höhn mich lüftend, losgelöst
Vom kleinen Druck des Lebens, lernt' ich mächt'ger bald
Die Flügel rühren und der eignen Kraft vertraun.

Gesangerfüllte Wanderjahre lebt' ich nun,
Durch Freud' und Leid vom Lied getragen. Rhein und Spree
Und Neckar grüßt' ich, und zuletzt den Oderstrand,
Wo hoch im alten Ehrenschmuck die Eiche grünt.
Doch wo ich weilt', in vielbewegtem Stadtgewühl,
Auf stillem Landsitz: immer wieder strebte mir
Das Herz zur Heimat, immer wieder sucht' ich euch,
Traumstätten meiner Jugend, auf, als müßt' ich hier
Der Wünsche Ziel einst finden und mein höchstes Glück. –
Und so geschah's. Nach manchem Jahre schautet ihr,
Ins goldne Licht des scheidenden August getaucht,
Ihr alten Wipfelkronen, meinen Ehrentag.
Da saß ich droben im bekränzten Gartensaal,
Ein sel'ger Mann, und rings an froher Tafel hin
Die Schar der Lieben, Haupt für Haupt, und neben mir
Im Schmuck der Myrte holderglüht die süße Braut,
Die mir Beglücktem an des Herbstes Grenze noch
Den vollen Frühling ihrer jungen Seele gab.
Da sang zum Becherklang das Waldhorn, Segen floß
In Scherz und Ernst von allen Lippen, und mein Herz,
Voll Dank aufjubelnd, faßte seine Wonne kaum,
Ach, sonder Ahnung, daß auch diese Seligkeit
Dahingehn sollte, wie ein rascher Sommertag.
Doch was auch kam, und ob des Lebens Kleinod mir
Zu früh geraubt ward: einmal war's mein eigen doch,
Das höchste Glück, und unvergänglich blüht von ihm
Ein sanfter Nachglanz mir in tiefster Seele fort,
Und lehrt mich klaglos tragen, was ich tragen muß.
Du aber, trauter Garten, der du frischbelaubt
Dich wie ein Kranz um meines Lebens Bilder schlingst,
Sei mir gesegnet! Immer dichter wölbe sich
Dein schattig Grün, und weit bis auf den Fluß hinaus
Im Windesodem walle deiner Rosen Duft!
Und wenn mein Kind nun, wo ich mit der Mutter einst
Beglückt dahinschritt, wenn mein blondes Töchterchen
Zu meinen Füßen im besonnten Grase spielt
Und Blumen pflückt, dann rührt euch schauernd über ihm
Und rauscht, ihr hohen Wipfel, rauscht ihm Träume zu
Glücksel'ger Zukunft, aber mir Erinnerung!